Gertrud Weiss-Richter

 

Logik und Sentiment


Gertrud Weiss-Richter arbeitet in ihrem künstlerischen Werk mit äußerst reduzierten formal-ästhetischen Mitteln – gleichermaßen in den

Bereichen von Malerei und Grafik, von Fotografie, Skulptur und Installation. Grundlegend bedient sich die Künstlerin – ganz im Sinne einer geometrisch-abstrakten Gestaltungslogik –, der puren Linie als zentralem bildnerischen Element und darauf aufbauend, der streng-geometrischen Form, die sich in räumlich gedachten Konzepten entwickelt. Die der Künstlerin eigene Farbskala ist beschränkt auf wenige Töne, auf Nuancen von Rot, vorwiegend Rostrot bis Braun, und die unbunten Farben Schwarz und Weiß, gemischt in verschiedenen Stufen von Grau. In der Malerei der letzten Jahre kommt Blau hinzu, das seine Wirkung, in seiner Intensität stark mit Weiß oder Grau abgedämpft, zwischen einem kühlen, hellen Türkis bis hin zu einem etwas satteren Stahlblau entfaltet.

Damit siedelt Gertrud Weiss-Richter die Grundlage ihre Arbeit in der Tradition des 20. Jahrhunderts an, nimmt die Ideen und Erfindungen der geometrisch-abstrakte Gestaltungsweisen auf, die von den Künstlern des russischen Konstruktivismus und der holländischen De Stijl-Bewegung im ersten Viertel des vergangenen Jahrhunderts geprägt wurden und von den Mitgliedern des Bauhauses, den Pariser Malern der

Abstraction-Création, der Konkreten Kunst und nach dem Zweiten Weltkrieg von Op Art, Zero, Minimal und der Nachmalerischen Abstraktion in Amerika aufgegriffen und vorangetrieben wurden. Diese sind auf einem reduzierten, elementaren Bildvokabular begründet, die Farbe, meist als Primärfarbe, wird als selbständiger, konkreter Gestaltungswert begreifen, der auf nichts anderes als sich selbst verweist, und die bildnerischen Konzepte sind durchwegs gegenstandslos, rational systematisiert und klar strukturiert angelegt und nach Regeln der Geometrie gebaut. Die visuellen Phänomene von Farbe, Licht und Raum stehen zur Diskussion. Daran knüpft Gertud Weiss-Richter in ihrem künstlerischen Werk an und entwickelt diese Prämissen in einer persönlichen Handschrift weiter.


In Österreich gab es in den 1920er-Jahren im Wiener Kinetismus eine vertiefte Auseinandersetzung mit der geometrisch-abstrakten Richtung, im Gegensatz zu allen emotionalen-ausdrucksstarken, gestischen, insbesondere figurativen und aktionistischen Tendenzen kam es aber in diesem Bereich zu keiner Bildung einer nachhaltig wirksamen Szene. Die geometrisch-abstrakte Kunst ist bis auf wenige Einzelpositionen als nachhaltig artikuliertes Phänomen nicht erkennbar. Dies gilt vor allem auch für die Kunst in Kärnten, die im vergangenen Jahrhundert deutlich und mit langem Nachhall von Farbe und Gestus der Künstler des Nötscher Kreises bestimmt wird. Gertrud Weiss-Richter, die in Villach aufgewachsen ist und in Wien an der Akademie der bildenden Künste studiert hat, und seit 1978 in Klagenfurt ansässig ist, nachdem sie von 1967 bis 1974 in Paris und dann in Los Angeles und New York gelebt hat und dort auch künstlerisch beeinflusst wurde, lässt sich nicht in diesen lokalen Rahmen setzen. Sie bleibt von den regional vorherrschenden Strömungen weitestgehend unbeeindruckt und entwickelt sich vielmehr zu einer der wenigen ProtagonistInnen der abstrakt-geometrischen Richtung.


Die Geometrie ist im Œuvre von Gertrud Weiss-Richter grundlegendes Element und zentrales Thema. Seit Studienzeiten verfolgt die Künstlerin ein Interesse an der Architektur, das sich in ihrem Werk in einer eingehenden Auseinandersetzung mit geometrischen, architektonischen Formen, mit Linie, Rechteck und Kreis, und ihren bildnerischen Möglichkeiten äußert. Jedoch erst in den 1990er-Jahren wird die gegenständliche Ikonografie gänzlich und endgültig zu Gunsten der reinen Beschäftigung mit Farbe und Form aufgegeben.


Der Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit liegt heute nach wie vor in der Inspiration durch die reale, oftmals banale Gegenstandswelt, durch visuelle Wahrnehmungen, die die Künstlerin an verschiedenen Gebäuden, Kirchen und anderen historischen Orten usw. gewinnt. Dies können bestimmte Bauformen sein, eine bestimmte architektonische Konstellation, eine eigenartige Perspektive, ein besonderer Blickwinkel oder auch konkrete Erscheinungen, etwa durch ephemere optische Phänomene, hervorgerufen z. B. durch den momentanen Lichteinfall. Sie werden im bildnerischen Schaffen aufgegriffen, transformiert und gedanklich-kreativ und praktisch-malerisch in viele mögliche Richtungen weiter gedacht und ausformuliert. Auf diese Weise entwickelt Gertrud Weiss-Richter seit vielen Jahren ein breites Œuvre, das sich ohne gegenständliche Konnotationen, rein abstrakt, in vielfältigen Facetten und unter Einbezug nahezu aller künstlerischen Medien, von Malerei, Grafik, seit den 1980er-Jahren auch Fotografie, von Skulptur und Installation, entfaltet.

Ein herausragendes Thema innerhalb des Gesamtwerks, das seit mehreren Jahrzehnten verfolgt wird, bilden die Aufstiegshilfen, Stufen und Leitern, insbesondere die Treppe, die als prägnantes architektonisches Element und historische bautechnische Kulturleistung von bedeutender Nutzfunktion aber auch von großem Symbol- und Repräsentationsgehalt, in allen wichtigen sakralen und profanen Bauten als Würdemotiv zum Tragen kommt, und die sowohl Thema der Kunst als auch Topos der Literatur ist. Weitere wichtige Formen sind Kreuze und Kreise. Ebenso werden in den jüngeren Werken, seit etwa fünf Jahren, neben Geländer- und Gittermodulen sowie verschiedenen Fassadenelementen immer wieder auch Fensterformen, in all ihren mannigfaltigen, unterschiedlichen Ausführungsweisen, mit ihren jeweiligen Proportionen, ihren Formaten und Teilungen, und den daraus resultierenden formal-ästhetischen Verhältnissen und Strukturen, fotografisch ausgewertet und malerisch abgehandelt. Insbesondere Sinneseindrücke von Spiegelungen, Reflexionen und Schatten die durch Lichteinfall erzeugt werden, sowie Transzendenz im Verhältnis zu Opazität spielen eine Rolle – als visuelle, optische Phänomene wie auch als philosophische Dimensionen. Nicht selten werden die Elemente über das Mittel der Fotografie erfasst und in den malerischen bzw. zeichnerischen Kontext transferiert, als einfache, klare Einzelform dargestellt oder zu komplexen Flächenarchitekturen verbunden, zu vielschichtigen Konstruktionen, zu gegenläufigen Spannungsverhältnissen komponiert. Die Erkenntnisse und Resultate, die am malerischen und zeichnerischen Terrain gewonnen werden, wirken wiederum auf die Fotografie zurück, beeinflussen den Fokus. Die Motive werden jeweils, den Möglichkeiten der unter-schiedlichen Medien entsprechend, differenziert, bildnerisch ausgelotet. Dabei durchlaufen sie einen reduktiven Prozess, durch den sie sich mehr und mehr vom realen Umfeld aus dem sie isoliert wurden und vom konkreten Ausgangsobjekt entfernen. Sie emanzipieren sich im künstlerischen Prozess soweit, dass sie als neutrale Mittel in einer logischen Ordnung, systematisch und frei von inhaltlichen Dimension eingesetzt werden können. Im Ergebnis, auf der zweidimensionalen Fläche, der Leinwand oder dem Papier, erscheinen sie als autonome, abstrakte, künstlerische Konstruktionen, die lediglich durch ihre geometrische Sprache noch Räumliches suggerieren können und – wenn überhaupt – in dieser Form auf Gegenständliches rekurrieren. Konkrete Gestalt nehmen die Formen wieder als dreidimensionale, plastische Skulpturen in Metall und Holz sowie in Installationen im Raum an.


Zentral stehen im Schaffen von Gertrud Weiss-Richter immer das Konzept, die geistig-intellektuelle Konstruktion, ihre Weiterentwicklungen und die Umsetzung im bildnerischen Werk. Wichtig ist dabei die Stringenz der Gedanken, die ein homogenes aber weit gefächertes Œuvre begründet, das in feinen Nuancen, in immer neuen Ideen zu abwechslungsreichen Resultaten führt. In denen die Künstlerin in nimmer enden wollenden Varianten zu brisanten Ergebnissen findet, die um den Kern der Auseinandersetzung kreisen, nämlich die geometrische Gestaltung und

ihre Möglichkeiten.


Bemerkenswert und interessant erscheint, dass bei Gertrud Weiss-Richter immer auch so etwas wie ein Hauch von Emotion, ein Gefühl, ein Sentiment, ins Werk kommt – eine zarte, feinnervige Aura umgibt die Arbeiten (die zugleich auch der Persönlichkeit der Künstlerin entspricht). Bildnerisch begründet ist diese einerseits auf den ruhigen, konzentrierten Bildräumen mit ihren zurückgenommenen, harmonisch-balancierten Form-konstellationen, auf den sensiblen Umgang mit der Farbe, einem Kolorit, das eine Atmosphäre von Stille (mitunter auch Tristes) und Tiefe zeichnet, sowie auf den Spezifika des malerischen Vortrags, auf den Spuren des sensitiven Duktus, die trotz des minimalistisch-geometrischen Anspruchs bewusst nie zur Gänze ausgeschalten werden. Sie erzeugen einen manchmal stärker und manchmal weniger stark vibrierenden farbige Konstellation, eine atmosphärische Komponente, die der elementaren, geometrischen Konstruktion kontrastreich entgegentritt bzw. diese trägt und befördert.


Was in der Fotografie von Gertrud Weiss-Richter durch die „Stimmung“ vermittelt wird, geschieht in der Malerei durch die Handschrift: kein starker Gestus, sondern vielmehr die kleinen, willentlich gesetzten Unperfektheiten der manuell gezogenen Linien, die breiten Pinselstriche der Flächen-kompartimente, auch verlaufende, farbige Schattierungen durch tonige Abstufungen eines Farbwertes, transparente Schichten von Acrylfarbe, die die Homogenität und Monochromie, den strengen Minimalismus mit seinen exakten –Strichen, scharfen Kanten, klaren Grenzen und makellosen Oberflächen aufbrechen und die dermaßen mitunter zur Suggestion von Stofflichkeit, geformter Materie und Räumlichkeit führen, sowie Gefühlen Einlass gewähren. Das hebt die Arbeit von verwandten Positionen ab, löst sie aus der absoluten, puren Rationalität des Konstruktiven und macht sie auf ihre Weise zu etwas Besonderem.

Gertrud Weiss-Richter formuliert eine bildnerische Sprache, die das prototypische Vokabular und die rationalen Prinzipien der Konstruktivisten und Konkreten sowie die ästhetischen Methoden der amerikanischen Farbfeldmalerei mit intuitiven Abweichungen verbindet. Die Dominanz des Geometrisch-Logischen taucht in eine enigmatische, abstrakt-lyrische Farbwelt. Und auf diese Weise kehren das Individuelle, das Sinn-

liche und die Emotion ins Werk zurück und wird die Hermetik einer absoluten Ordnung um eine entscheidende Kategorie erweitert.

                                                             Christine Wetzlinger-Grundnig